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und die Wachstumsspirale , Juni 2007 der Zuger Gewerbezeitung
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Die allzu menschliche Wunschvorstellung, sich ohne vorangegangene, eigene Leistung Produkte, Dienstleistungen und Besitz aneignen zu können, ist nicht nur zeitgenössischen Lottospielern, Bankräubern oder einigen Managern eigen, sondern beschäftigt die Menschen seit die Tauschwirtschaft durch die auf Geld basierende Arbeitsteilung abgelöst und vereinfacht wurde. Bereits das Treiben der spanischen Eroberer Südamerikas oder der Alchemisten war von denselben Absichten motiviert. Die Herstellung von künstlichem Gold wurde denn auch nicht aufgegeben, weil es nicht funktionierte, sondern weil es eine weit einfachere Möglichkeit gab, um Zahlungsmittel herzustellen. Denn Geld (=gelten) ist in erster Linie das Vertrauen, es jederzeit gegen etwas wirklich Wertvolles eintauschen zu können. Noch bis 1924 konnten europäische Kolonialherren in Afrika Sklaven gegen Muscheln kaufen, weil der Verkäufer sicher war, dass er diese gegen Lebensmittel, Häuser oder Land tauschen konnte.1696 führte die Bank von England erfolgreich das erste Papiergeld Europas ein und begründete damit die moderne Geldwirtschaft, nach deren Vorbild bis heute das Notenbanksystem der meisten Volkswirtschaften der Welt organisiert ist. Um den Menschen dieses neue Geld schmackhaft zu machen, brauchten sie die Sicherheit, dass sie dieses bedruckte Papier jederzeit auch gegen Gold eintauschen konnten. Doch die Menschen fanden es schnell sehr praktisch, statt der Goldmünzen das leicht transportierbare Papiergeld benutzen zu können und da kaum jemand mehr seine "Zettel" gegen Gold eintauschen wollte, war die Versuchung mancher Notenbank gross, mehr Geld auszugeben, als Gold vorhanden war. Freiherr Johann Wolfgang von Goethe, 23 Jahre zuständiger Geheimrat für Wirtschaftsfragen am Weimarer Hof und politisch ein gemässigter Liberaler, hatte die Anfänge der industriellen Revolution erlebt, die Europa für den Rest der Welt übermächtig machte und im Grössenwahn so einiger Kolonialmächte gipfelte, was vor allem auch durch das unbegrenzte Herstellen von Papiergeld möglich wurde. Und so handelt Goethes Faust (der zweite Teil) von nichts anderem, als diesem uns alle beschäftigenden Dogma der Moderne: Das Wachstum der Wirtschaft als Massstab für die Entwicklung der Menschheit. Goethe erklärt die Wirtschaft als einen alchemistischen Prozess; die Suche nach dem künstlichen Gold mit anderen, modernen Mitteln. Mit dem künstlichen Geld kann Faust sich vom Kaiser das Recht zur Kolonisierung eines vom Meer abgerungenen Landstrichs erkaufen. In einer heutigen Fassung hätte Goethe vielleicht das Recht an einem Ölfeld verwendet.Die Theorie von Hans Christoph BinswangerProfessor Hans Christoph Binswanger wurde der breiten Öffentlichkeit vor allem durch seine Pionierarbeiten zum qualitativen Wachstum, zum Verhältnis von Geld und Magie sowie zur Geschichte des ökonomischen Denkens bekannt. Seinem vor wenigen Monaten angesichts der Globalisierung neu aufgelegten Buch Geld und Magie eine ökonomische Deutung von Goethes Faust, folgt nun sein Spätwerk Die Wachstumsspirale Geld, Energie und Imagination in der Dynamik des Marktprozesses. Es ist eine kluge Kritik an der derzeit vorherrschenden neoklassischen Wachstumstheorie, welche die politisch-ökologische Polemik der 70er und 80er Jahre auf die Fachebene hebt. Professor Binswanger sieht den Produktionsfaktor Boden, und damit die Natur, in der aktuell vorherrschenden Wirtschaftstheorie fatal vernachlässigt (Professor Robert Costanza von der Universität Maryland hat ausgerechnet, dass die jährliche Wertschöpfung der Natur bei 60 Billionen Dollar liegt; das ist das Doppelte der Menschlichen). Zwar lebt ein beträchtlicher Teil der Menschen heute besser, länger, bequemer, aber dennoch könne es niemandem entgehen, dass wir uns auf dem alchemistischen Weg befänden und die Kollateralschäden an Mensch und Natur der zu ewigem Wachstum verdammten Wirtschaft immer deutlicher zu Tage treten, entgegnet Binswanger jeweils, wenn man seine pessimistische Sicht kritisiert. Den Zwang zum Wachstum der Wirtschaft sieht er denn auch nicht in den unbegrenzten menschlichen Bedürfnissen oder einem Überlebensprinzip, sondern in der Magie der Geld- und Kreditschöpfung. Er sagt: "99% der Menschen sehen das Geldproblem nicht. Die Wissenschaft sieht es nicht, die Ökonomie sieht es nicht, sie erklärt es sogar als nicht existent". Solange wir aber die Geldwirtschaft nicht als Problem erkennen, ist keine wirkliche ökologische Wende möglich". Binswanger weist mathematisch nach, dass die sich global ausweitende Geldmenge (in den letzten 30 Jahren hat sich die Menschheit verdoppelt, die Gütermenge vervierfacht, die Geldmenge vervierzigfacht) eine Wachstumsspirale in Gang setzt, die zunächst Wohlstand und Arbeitsplätze sichert, aber durch die begrenzten Ressourcen unseres Planeten ökologische Probleme nach sich zieht. Selbst Goethe hat den Verlust der Schönheit (Beispiel Umweltverschmutzung), jenen der Sicherheit (Beispiele Atom- und Gentechnologie mit ihren Gefahren) und jenen der Gegenwart ("Studien-Flut" und "Prognosesucht" aufgrund der unsicheren künftigen Entwicklung) als zu zahlender Preis für den "höchsten Augenblick Fausts" gesehen. Ein zunehmend hoher Preis, wie es sich zeigt, für die Faszination an der wirtschaftlichen Tat und dem scheinbar unendlich vermehrbaren, dem unbegrenzten Fortschritt.Die Weltwirtschaft ist eine Hauswirtschaft (Oikos) und als solche auf die Wertschöpfung des Bodens angewiesen. Landwirtschaft plus Intelligenz (Rationalisierung und Produktivitätssteigerung) haben dazu geführt, dass sich immer mehr Menschen Tätigkeiten ausserhalb der zu deckenden Grundbedürfnisse (Essen, Trinken, Kleidung, Behausung) zuwenden können, ohne Angst vor Hunger haben zu müssen. Die moderne Neoklassik spricht heute aber nur noch von Kapital, Arbeit, technischem Fortschritt und Humankapital als wertschöpfende Faktoren."Die Landwirtschaft ist die erste aller Künste: ohne sie gäbe es keine Kaufleute, Dichter und Philosophen; nur das ist wahrer Reichtum, was die Erde hervorbringt." Friedrich der Grosse, König von Preussen (1712 bis 1789).Geld und Magie eine ökonomische Deutung von Goethes Faust, Murmann Verlag 2005, ISBN 3-938017-25-2Die Wachstumsspirale Geld, Energie und Imagination in der Dynamik des Marktprozesses, Metropolis Verlag 2006, ISBN 3-89518-554-XAutor Hans Christoph Binswanger, 1929 in Zürich geboren, lehrte von 1969 bis 1994 als ordentlicher Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen. Von 1967 bis 1992 war er Direktor der Forschungsgemeinschaft für Nationalökonomie, seit 1980 geschäftsführend. Von 1992 bis 1995 wirkte er als Direktor des neu gegründeten Instituts für Wirtschaft und Ökologie. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen Umwelt- und Ressourcenökonomie, Geldtheorie, Europäische Integration und ökonomische Theoriegeschichte. Professor Binswanger ist Vorstandsmitglied der SVIL, der 1918 gegründeten Schweizerischen Vereinigung Industrie und Landwirtschaft. |
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Thomas Brändle
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